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GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig

Auf mehr als 130 Jahre Geschichte blickt das Museum für Völkerkunde zu Leipzig bereits zurück. Von Leipziger Bürgern gegründet und gefördert, ist es zu einer der führenden und größten Einrichtungen dieser Art in Deutschland herangewachsen.

Und wie ein Leitbild zieht sich das Motiv des Unterwegsseins durch seine Geschichte. Ob es die reisenden Forscher und Sammler waren, die sich in die Ferne aufmachten, um fremde Völker zu studieren, oder die Museumsmitarbeiter, die jahrelang von einem Provisorium zum anderen Provisorium ziehend nach einer bleibenden Heimstatt für ihre Sammlungen suchten - immer folgte einem kurzen Moment der Ruhe ein neuer Aufbruch.

Einem rastlosen Reisenden gleich, der immer wieder seine Koffer packt, zieht das Museum kurz nach seiner Gründung im Jahre 1869 aus den Räumen des chemischen Laboratoriums in der Liebigstraße im Jahre 1873 in das ehemalige Johannishospital am Johannisplatz, 1888 in die alte Buchhändlerbörse in der Ritterstraße, 1891 in den Prüfsaal des alten Conservatoriums in der Universitätsstraße, 1895 in das alte Grassimuseum am Königsplatz, dem heutigen Wilhelm-Leuschner-Platz und schließlich 1927 in das neue Grassimuseum am Johannisplatz.

Kaum hatte man dort die ersten Ausstellungen eröffnet, vernichteten Bomben des Zweiten Weltkriegs am 4. Dezember 1943 große Teile des Gebäudes und der Sammlungen.

Der Ausgangspunkt für die Gründung des Museums war der Ankauf der Privatsammlung des Gustav Friedrich Klemm, Königlich-Sächsischer Hofrath und Oberbibliothekar in Dresden. Als junger Mann hatte Klemm an der Leipziger Universität Kulturgeschichte studiert, eine Fachrichtung, die er geschickt mit seiner großen Sammelleidenschaft zu verbinden verstand. Am Ende besaß er nicht nur die bedeutendste bürgerliche Privatsammlung dieser Zeit, sondern auch die erste, nach universalhistorischem Konzept angelegte, wissenschaftliche Museumssammlung der Völkerkunde.

Klemms "Fantasie über ein Museum für die Culturgeschichte der Menschheit", eine Schrift, die 1843 in Dresden erschien, begann jedoch erst nach seinem Tode Wirklichkeit zu werden.

Der kulturell engagierte Leipziger Theaterarzt Hermann Obst gründete ein "Comité", bestehend aus 36 prominenten Leipziger Persönlichkeiten, unter ihnen Professoren der Universität, Buchhändler und Verleger (wie Brockhaus und Tauchnitz) sowie Vertreter der großen Banken. Diese Gruppe ermöglichte mit Hilfe eines öffentlichen Spendenaufrufs den Ankauf des ´Museum Klemmianum´ im Jahre 1870, drei Jahre nach Klemms Tod.

Die Sammlung, von der Klemm sich gewünscht hatte, daß man sie nicht als "todten Schatz", sondern als "ein organisches Wesen" übergeben möge, wurde zum Grundstock für ein Museum, welches aufzubauen sich Hermann Obst zur Lebensaufgabe machte. Obst, der später erster Direktor des Museums wurde, gründete zunächst den Verein "Museum für Völkerkunde", welcher 26 Jahre lang Eigentümer der Sammlungen blieb, bis diese 1895 in städtischen Besitz übergingen. Zu den prominentesten Ehrenmitgliedern des Vereins zählte seinerzeit Heinrich Schliemann, der Entdecker von Troja.

Die erste Ausstellung des Museums wurde 1874 im ehemaligen Johannishospital am Johannisplatz eröffnet. Die Gliederung der Ausstellung erfolgte nach Klemmschen Grundsätzen, in entwicklungsgeschichtlich vergleichender Form.

Die Gründerjahre des Museums waren geprägt von der beispiellosen Sammelenergie Hermann Obsts, der sofort nach Gründung des Museums daran ging, die Sammlungen systematisch zu erweitern. Sein gewinnendes Wesen zeigte sich u.a. beim Besuch der Weltausstellungen 1873 in Wien und 1878 und 1900 in Paris, von denen er "...mit fremden Schätzen reich beladen und mit vielen kostbaren Geschenken zurückkehrte, ohne daß die dafür ausgesetzten Mittel aufgewendet zu werden brauchten...".

1878 überwies die "Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens" (OAG) in Tokio ihre große Sammlung dem Museum.

Das Jahr 1885 brachte dem Museum eine Bereicherung wie noch kein Jahr zuvor. Es gelang Obst, die Sammlung der Brüder Adrian und Phillipp Jacobsen von der Nordwestküste Amerikas anzukaufen und im selben Jahr die gesamte anthropologisch-ethnographische Abteilung des Museums Godeffroy in Hamburg, "...eine Südseesammlung ohnegleichen, die in rund 100 Kisten und Ballen in Leipzig eintraf."

Zwei Jahre später erhielt das Museum eine umfassende Sammlung von Kulturgütern südamerikanischer Völker. Diese war Teilergebnis einer neunjährigen Forschungsreise der beiden sächsischen Geologen Alphons Stübel und Wilhelm Reiss auf den Spuren Alexander von Humboldts nach Südamerika. Damit war der Grundstock für die Amerika-Abteilung des Hauses gelegt.

Eine der besten Ideen Obsts zur Vergrößerung des Sammlungsschatzes war die Ernennung sogenannter "Bevollmächtigter" in allen Ländern der Erde, die mit grossem Eifer in einen edlen Sammelwettstreit traten. Es sind diese Freunde und Förderer, denen das Museum Glanzstücke und wesentliche Fundamente seiner Sammlungen verdankt.

Ein Name tritt dabei besonders hervor: Hans Meyer. 1888 erstmalig in den Berichten erwähnt, ziehen sich die Aktivitäten dieses großen Förderers unseres Hauses durch viele Jahre. Hans Meyer entstammt der bekannten Verlegerfamilie, die das Bibliographische Institut begründete, dessen wohl berühmtestes Produkt das Meyersche Konversationslexikon ist.

Als Verleger und Autor, als Forschungsreisender, Kolonialpolitiker und Wissenschaftler fühlte sich Hans Meyer zeit seines Lebens eng verbunden mit den Leipziger Museen. Aber keinem widmete er sich mit so viel Sympathie und Aufmerksamkeit wie dem Museum für Völkerkunde. Eine enge Freundschaft verband Hans Meyer mit Karl Weule, dem Nachfolger Hermann Obsts.

Die herausragendste Sammlung aus der Meyerschen Erbschaft ist unsere Benin-Sammlung. Bis heute bildet sie eine hervorragende Quelle zur Erforschung von Geschichte und höfischer Kultur im westafrikanischen Königreich Benin, das sich auf dem Gebeit des heutigen Nigeria befand.

So manche Verbindung zwischen dem Museum und seinen Gönnern ist auch über Generationen hinweg erhalten geblieben. Dies trifft vor allem auf die Familie des Baron Speck von Sternburg zu, dem wir eine bedeutende Ostasiensammlung zu verdanken haben.

Das Zusammenwirken von Museum und Leipziger Universität ist eng mit dem Namen Karl Weule verbunden. Als erster Professor für Völkerkunde in Deutschland und späterer Direktor führte er das Museum zu einer Blütezeit. Auf einzigartige Weise verband Weule Lehre, Forschung und Öffentlichkeitsarbeit am Museum.

Zahlreiche völkerkundliche Expeditionen verschafften dem Museum zu seiner Zeit einen immensen Sammlungszuwachs. Weule selbst forschte und sammelte in Ostafrika in den damaligen deutschen Kolonialgebieten. Finanziell beteiligte er das Museum an den Afrika-Expedition von Leo Frobenius. Fritz Krause, seinen späteren Amtsnachfolger, führte eine Forschungsreise nach Zentralbrasilien. Bereits 1897 hatte die brasilianische Sammlung Herrmann Meyers, des Bruders von Hans Meyer, den Grundstock für die Amazonassammlung des Museums gelegt. Weitere große Forschungsexpeditionen führten nach Nordafrika, Indien, Indonesien und in den Pazifik.

Der zweite Weltkrieg zerstörte jedoch die Hoffnung auf weitere Forschungen. Ein Fünftel der Sammlungen ging im erst 17 Jahre zuvor bezogenen neuen Grassimuseum im Dezember 1943 bei einem Bombenangriff in Flammen auf, ein Verlust, der nie wieder wettgemacht werden konnte.

Die Nachkriegsjahre waren geprägt vom schwierigen Wiederaufbau des Gebäudes. Man führte die ausgelagerten Sammlungen zurück und begann eine systematische Magazinierung. Nach und nach wurden die Dauerausstellungen wieder eröffnet.

Von 1953 bis zum Ende der DDR war das Museum Staatlichen Forschungsstelle. Im Jahr 1991 übernahm der Freistaat Sachsen die Trägerschaft.

Erfüllt von einem starken Willen zur Kontinuität begann das Museum in den 50er Jahren, die durch den Krieg verursachten Sammlungslücken wieder aufzufüllen und die abgebrochenen Beziehungen zu anderen Forschungseinrichtungen zu erneuern. Seit den 60er Jahren forschten und sammelten die beiden späteren Museumsdirektoren, Wolfgang König (in Mittelasien und in der Mongolei) und Lothar Stein (im Sudan, in Ägypten, im Irak und im Jemen). Weiteren Zuwachs erhielt das Museum durch den Ankauf von Privatsammlungen und die Übernahme von Sammlungen im Rahmen einer staatlich gelenkten Profilierung der Museen in der ehemaligen DDR. Seit den 90er Jahren sind die Museumsmitarbeiter auf den Spuren der Sammler und zu neuen Forschungen wieder in allen Teilen der Welt unterwegs.

Heute zählt das Museum für Völkerkunde zu Leipzig mit seinen etwa 220.000 Objekten und rund 100.000 Fotodokumenten und anderen Archivalien zu den bedeutendsten Völkerkundemuseen in Deutschland und Europa.


"Rundgänge in einer Welt" - Dauerausstellung

Seit 1929 ist das Domozil des Leipziger Völkerkundemuseums das GRASSI, ein Gebäude, das es sich mit dem Museum für Angewandte Kunst und dem Museum für Musikinstrumente teilt. Aufgrund der umfangreichen Sanierung des Gebäudekomplexes schlossen alle drei Museen zum Ende des Jahres 2000 ihre Ausstellungen. Am 14. Juni 2005 konnte den Museen das sanierte Gebäude zur Wiedernutzung übergeben werden. Schrittweise erfolgte der Rückzug.

Im November 2005 eröffnete der erste Abschnitt der neuen Dauerausstellung mit der Präsentation Südost- und Südasiens, gefolgt von den Ausstellungen der übrigen Regionen Asiens und Europas, Afrikas, der Amerikas, Australiens und Ozeaniens. Nun lädt das Leipziger Museum zu einem Rundgang ein, der erstmals wieder seit 100 Jahren die Völker und Kulturen aller Erdteile einschließt. Das GRASSI Museum für Völkerkunde zeigt eine Dauerausstellungen auf über 4.200 m², die nach Erdteilen bzw. Großregionen gegliedert ist.

Präsentiert werden Exponate, die nur noch älteren Besuchern und Fachleuten bekannt sein dürften, da sie seit Jahrzehnten in die Magazine verbannt oder langjähriger Restaurierung unterworfen waren. Dazu zählt z.B. der Drachenfries (ein Dachfirst-Schmuck aus China) und die Amtsrobe eines Ministers des letzten unabhängigen Königreichs in Birma. Ebenso finden sich dann in den Ausstellungen noch nie gezeigte Kostbarkeiten, wie z.B. zwei Federgewänder der Ainu aus Japan, sowie Neuerwerbungen der letzten Jahre, z.B. ein tibetisches Fischerboot aus Yakhaut. Aber auch Stücke, die schon immer als "Dauerbrenner" galten und bei Erwachsenen und Kindern gleichermaßen beliebt waren, werden zum Wiedererkennen und Neuentdecken "ihres" Museums bei den Besuchern beitragen. Dies gilt für die komplett eingerichtete mongolische Jurte, das Beduinenzelt und das indianische Tipi.

Der Erwerb der Benin-Sammlung Hans Meyers, an dem zahlreiche Sponsoren beteiligt waren, unter ihnen vor allem die Kulturstiftung der Länder, war nach langjährigen Verhandlungen durch den Freistaat Sachsen im Jahre 2001 möglich geworden. Damit konnten 54 Objekte von Weltrang dem Museum erhalten und endgültig in die bereits bestehende Benin-Sammlung eingegliedert werden. In der künftigen Dauerausstellung wird sie der Öffentlichkeit nahezu vollständig präsentiert werden.

Im Frühjahr 2004 erhielt das Museum für Völkerkunde zu Leipzig die Kollektion der Stiftung "Sammlung Dr. Bir" als Dauerleihgabe. Diese Sammlung traditionellen Schmucks aus dem Orient umfasst 3.000 Stücke und ist damit die größte private Sammlung, die dem Museum je übertragen wurde. Ein Teil dieser einzigartigen Kostbarkeiten zeigt das Museum in einer gesonderten Kabinettausstellung.

Die Dauerausstellungen werden, der Tradition des Hauses entsprechend, durch ständig wechselnde Sonderausstellungen ergänzt.

Information

GRASSI Museum für Völkerkunde
zu Leipzig

Ausstellungen und Verwaltung:
Johannisplatz 5-11
04103 Leipzig
Tel.: +49(0)341/97 31-900
Fax: +49(0)341/97 31-909

Postanschrift:
Postfach 100 955
04009 Leipzig 

WWW:
www.mvl-grassimuseum.de
mvl-grassimuseum@ses.museum

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 10.00 - 18.00 Uhr
Montags geschlossen